The Final Director’s Cut

Das ist der erste Artikel einer Serie über das Essl-Museum in Klosterneuburg bei Wien, das seit 30. Juni geschlossen ist. Es ist mir aber ein Anliegen, diese trotz Verspätung auf meinem Blog zu veröffentlichen.

 

Jetzt ist es also tatsächlich Geschichte

Das Essl-Museum ist für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, da der Museumsbetrieb aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten eingestellt werden musste.

Ich finde es echt schade, dass das Museum schließen musste. Da gibt es die private Initiative eines Sammlers moderner Kunst, der seinen Besitz in einem Museum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, zudem natürlich etlichen Menschen Arbeitsplätze bietet, und dann finden sich nicht genug Sponsoren, um die Sammlung in dieser Form zu erhalten.

Ein Teil der Bilder ging an Hans-Peter Haselsteiners Wiener Künstlerhaus, der noch offene Betrag sollte zur Hälfte vom Land Niederösterreich und zur Hälfte vom Bund getragen werden. Leider ist der Bund doch nicht eingesprungen.

Nicht nur ich frage mich, was mit dem tollen Gebäude, das vom Architekten Heinz Tesar speziell als Museum konzipiert wurde, weiter passiert. Die hellen, hohen Galerieräume mit unterschiedlichen Größen und Grundrissen bieten ein besonderes Ambiente für die Bilder. Große Fensterfronten und Oberlichte lassen viel Tageslicht ins Innere. Besonders schön fand ich es auch im Garten (nicht nur wegen der hübschen Bronze-Skulptur Hare and Bell von Barry Flanagan).

 

Das große Finale

In der letzten Juni-Woche war das Museum den ganzen Tag bei freiem Eintritt zu besichtigen. Die Crew hatte viele außerordentliche Programmpunkte organisiert, wie offene Ateliers, Lesungen, Konzerte und Spezialführungen.

Ich habe die Gelegenheit genutzt, etliche Ausstellungskataloge zu äußerst günstigen Preisen zu erstehen. Das ist einerseits schön für mich, aber andererseits gibt es nun wieder eine Möglichkeit weniger, in tollem Ambiente moderne Kunst zu betrachten.

 

Wie kommen Sie zur Kunst? Mit dem Bus!

Diesen Satz habe ich in der Zeitschrift Kunstforum Band 128 gelesen. Der Künstler Thomas Schütte brachte ihn dort auf die Frage, wie er darauf gekommen sei, Kunst zu studieren, aber in diesem Zusammenhang passt er genauso gut.

Für manche war der Standort nämlich ungeeignet für ein Museum. Irgendwie scheint mir das keine passende Erklärung für den Besuchermangel. Schließlich fahren Leute auch zu den Heurigen in den Westen von Wien (und von dort aus ist es nicht mehr weit nach Klosterneuburg). Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es nur eine Zone außerhalb der Wiener Stadtgrenze (für den Preis eines großen Kaffees kann man also nach Klosterneuburg und zurück nach Wien gelangen).

Kunstwerke, die sich im Besitz der öffentlichen Hand befinden, werden allüberall verscherbelt. Im Zuge meiner Recherchen über das Essl-Museum bin ich über einige Zeitungsberichte diesbezüglich gestolpert, auf die ich in einem weiteren Artikel gesondert eingehen möchte.

 

Ein Sammler und seine große Leidenschaft

Die letzte Führung von Karlheinz Essl durch die Ausstellung Rendezvous war im Folder zum Programm für die letzten Woche als Final Director’s Cut angekündigt. Diese wollte ich mir nicht entgehen lassen. Und ich bin froh darüber, nicht nur, weil ich ihn zuvor noch nie persönlich getroffen hatte, sondern weil mir in lebhafter Erinnerung geblieben ist, wie er in seinen Schilderungen über Künstler und Werke die Leidenschaft eines Sammlers ausgestrahlt hat.

Zu Beginn der Führung im ersten Raum hat er ein wenig über Vergangenheit und Zukunft erzählt und über seine Intention, die Öffentlichkeit durch die Präsentation der Bilder in einem Museum an seiner Sammlung teilhaben zu lassen. Er selbst wollte zur Betrachtung seiner Bilder aber auch nicht ins Depot gehen müssen (was ich durchaus verstehen kann)!

Der Hinweis auf das Ausstellungsformat Silence schien ihm ein besonderes Anliegen zu sein. Dabei gab es in einem Raum nur zwei Kunstwerke zu sehen, die man ohne Info zu Künstler oder Werk auf sich wirken lassen sollte. Stündlich wurden entweder eine Person mit oder zwei Personen ohne Voranmeldung in den Raum gelassen. Die Idee hinter diesem Konzept bestand darin, Besuchern eine Art der Meditation und Vertiefung in ein Kunstwerk zu ermöglichen, ohne wie üblich von einem Bild zum nächsten zu hetzten.

 

Die Rendezvous

Die Ausstellung sollte eine Jahresausstellung mit den Highlights des Essl-Museums werden, die das Jahr nicht überstehen sollte. Die Idee, die dahinter stand, waren wirkliche oder fiktive Begegnungen zweier oder mehrerer Künstler.

Beim Durchwandern der Räume erzählte Herr Essl auch über seine Begegnungen mit den Künstlern, die ihm immer sehr wichtig waren. Die Sammlung begann mit erschwinglichen Werken zeitgenössischer österreichischer Künstler und wurde nach und nach auch mit Werken internationaler Künstler erweitert. Im Nachhinein wurde mir erst bewusst, dass Herr Essl durch die jahrelange Beschäftigung mit moderner Kunst neben einer beeindruckenden Sammlung ein enormes Wissen aufgebaut hat.

Im ersten Galerieraum waren unter anderem Frühwerke von Maria Lassnig und Arnulf Rainer ausgestellt, zwei Künstler der Nachkriegsgeneration, die während ihrer Pariser Zeit tatsächlich ein Paar waren.

 

Künstlerische Vielfalt

Im zweiten Raum waren die unterschiedlichsten Künstler vereint.

  • Corneille, ein Mitbegründer der Gruppe CoBrA (steht für Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam)
  • Georges Mathieu, der schon vor den Wiener Aktionisten Happenings veranstaltet hat
  • Hans Staudacher
  • zwei dreidimensionale Bilder von Hans Bischoffshausen
  • Hans Hartung, Friedensreich Hundertwasser

Im anschließenden Raum gaben sich Adolf Frohner, Kurt Kocherscheidt und Hermann Nitsch mit den Spaniern Eduardo Chillida und Antoni Tàpies ein Stelldichein.

Frohner verwertet mit der Skulptur Das hohe Bett der Rituale aus 1963 eine ausrangierte Matratze als Kunstwerk, Symbol für etwas, was uns das ganze Leben begleitet, von der Geburt bis zum Tod. Recycling war damals schon modern!

Der nächste Galerieraum – die abstrakte Galerie mit Cecily Brown, Max Weiler, Per Kirkeby und Andrea Kasamas (eine Künstlerin, die ich im zuvor noch nicht kannte, deren Bilder mich aber sofort ansprachen) – war Künstlern gewidmet, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Natur auseinandersetzen.

Künstlerkollektive

Die zwei vorletzten Räume standen unter dem Motto Künstlerkollektive. Neben den CoBrA-Künstlern Asger Jorn und Karel Appel hingen Bilder von Franz Ringel (auch CoBrA-inspiriert). Er gehörte zur zweiten Künstlergeneration nach dem Krieg und gründete die Gruppe Wirklichkeiten. Martha Jungwirth, die einzige Frau, die in der Gruppe Wirklichkeiten Mitglied war, ist vertreten. Ringel selbst ist nicht unbedingt einer meiner Lieblingsmaler, aber das Bild Portrait Franz Ringel von Jungwirth hat mich angesprochen, vielleicht weil es mich in gewisser Weise an Informel erinnert, eine meiner Lieblings-Stilrichtungen.

Vermutlich gefällt mir deswegen das Bild Flor Linda aus dem Jahr 1959 von Antonio Saura,  Mitbegründer der Künstlergruppe El Paso und einer der größten Maler des spanischen Informel.

 

Der Abschluss im letzten Galerieraum

Nach einer Idee von Herrn Hoffer, dem Leiter der Kunstvermittlung, sollten zwei Personen unabhängig voneinander je ein Bild aus der Sammlung aussuchen. Diese sollten dann jeweils für ein paar Wochen hängen und dann von den Bildern des nächsten Paares abgelöst werden. Aufgrund der schon bekannten Umstände wurde entschieden, die beiden von Herrn und Frau Essl ausgesuchten Bilder zu belassen. Die fünf weiteren geplanten Rendezvous sind im Katalog zur  Ausstellung zu sehen.

Die Frage von Herrn Essl, wer welches Bild ausgesucht hatte, war für manche aufgelegt. Ich selbst hatte die Ausstellung zwei Wochen zuvor schon gesehen und durch die aufgelegten Infozettel die Antwort schon gewusst. Herr Essl hat Maria Lassnig ausgesucht, Frau Essl Markus Lüpertz. Witziger weise sind die Initialen der beiden Künstler M.L.

 

Mein Rendezvous mit dem Essl-Museum

Ich war das erste Mal bei der Ausstellung von Elke Krystufek im Jahr 2003, danach hatte ich wie üblich immer nur vor, endlich wieder einmal ins Museum zu fahren. Es zogen aber Jahre ins Land, und ich war das nächste Mal erst wieder bei der Ausstellung über Deutsche Kunst nach 1960 und bei Johanna Kandl (eine toll gemachte Ausstellung über Malmittel, die sehr lehrreich war).

Ich nahm an der super inspirierenden Führung von Herrn Hoffer durch die Deutsche Kunst teil und war sehr beeindruckt von seinem Wissen und seinem Enthusiasmus, der zu spüren war.

Ich war von den riesigen Wand-Plastiken von Anselm Kiefer schwer beeindruckt, besonders das Bild mit dem Boot – Nur mit Wind, mit Zeit und mit Klang (Die Große Fracht) aus dem Jahr 2011 hatte es mir angetan. Wenn ich Platz in meinem Wohnzimmer hätte (und das Geld, um es zu kaufen), würde ich es direkt einpacken und bei mir aufhängen!

 

Hattest du schon ein Rendezvous mit dem Essl-Museum? Lass es mich in den Kommentaren wissen!

 

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