Gab es Inquisitorinnen?

Wer weiß? Zumindest im Theaterstück, das ich zusammen mit Peter Uhl (Die Amsel) als Kursleiter (kraphix) und meinen Schauspielkolleginnen der OAA – Open Acting Academy im Zuge eines 12-wöchigen Kurses entwickelt und aufgeführt habe, schon.

Die erste Inquisitorin

© Peter Uhl (Die Amsel)

Ich habe erst kürzlich wieder nachgerechnet – seit mittlerweile drei Jahren bin ich wieder schauspielerisch tätig und mache Kurse in der Schauspielschule. Im Prinzip sind diese Kurse Teil einer Profi-Ausbildung, aber dieses Kurssystem steht allen Interessierten offen, auch denen ohne Ambitionen einer Profikarriere als SchauspielerIn.

Der Kurs – die Produktion

Die Kursbeschreibung der Produktion (möglich nach der abgeschlossenen ersten Ebene des offenen Kurssystems) klang spannend: Entwickle gemeinsam mit den TeilnehmerInnen ein kurzes Stück zu einem Thema, das ihr euch selbst aussuchen könnt. Lerne die Herangehensweise an die Figurenentwicklung. Am letzten Kurstag wird dieses Stück dann im Black-Box-Theater der OAA aufgeführt.

War für mich endlich an der Zeit, nach drei Jahren auch an die Öffentlichkeit zu treten. Meine Erfahrungen bis dato beliefen sich auf die Minirolle im Gymnasium und zwei kurze Auftritte bei Abschlussabenden der OAA, bei denen die TeilnehmerInnen der Kurse das im abgelaufenen Trimester Gelernte darbieten konnten.

Ein Theaterstück entsteht

Am ersten Kurstag  trafen sich sechs wackere MitstreiterInnen und stellten ihre Erwartungen an den Kurs vor. Peter erklärte, wie das Ganze ablaufen sollte. Das Stück sollte etwa 20 bis 30 Minuten dauern und so aufgebaut sein, dass alle Figuren die ganze Zeit auf der Bühne anwesend sein konnten. Somit bot sich eine Gerichtsverhandlung an. Schnell kam die Idee auf, einen Hexenprozess darstellen zu wollen. Damit stand das Thema auch schon fest.

Welche Rollen braucht es denn für einen Hexenprozess? Natürlich, eine Hexe (Sieglinde); des weiteren einen Pfarrer (Pater Pangasius), einen Henker (Rita), eine verhexte Person, Dorfbewohner – am Ende entschieden wir uns für einen Bauern (Cornelius), dessen Frau (Cäcilia) verhext worden ist, einen Inquisitor. Relativ schnell waren auch die Rollen vergeben. Für mich blieb der Inquisitor (Elisa van Bethen) übrig.

Was? Eine Frau?

Wieso nicht. Ich bin die erste von Rom ernannte Inquisitorin! Die Idee war, dass mein Vater Inquisitor werden wollte, es selbst aber nicht schaffte. So sollte einer seiner Söhne, wie so oft, seinen Traum erfüllen und Inquisitor werden. Da meine Figur aber nur Schwestern hatte, musste eben ein Mädchen herhalten.

Die restlichen Aufgaben (Requisite, Kostüme, Maske, Licht, Ton, Transkription….) wurden ebenfalls auf die Anwesenden verteilt. Auch das gehört dazu, wenn es keine weiteren Angestellten gibt!

Für die nächste Kursstunde sollten wir eigene Kleidung mitbringen, die uns als passend für unsere Rollen und die damalige Zeit erschien. Dankenswerter Weise hatte Nelly (diese Hexe!) früher für Mittelalter-Reenactment Kostüme genäht und konnte so die halbe Mannschaft ausstatten. Ich bekam von Peter einen hübschen purpurroten Mantel in Samt!

In der ersten Stunde blieb noch ein wenig Zeit, um über die jeweilige Rolle nachzudenken und zu überlegen, wie wir sie gestalten wollten.

Die Erweiterung

In der zweiten Kursstunde kamen zwei Kolleginnen dazu, die ebenfalls noch mitmachen wollten. Kein Problem – dann gibt es eben noch eine Bürgermeisterin (Martina von Sars) und einen Medicus (Galliläa), die erste studierte Frau der Welt! Wie fortschrittlich!

Erstaunlicherweise waren die Szenen innerhalb zweier Einheiten, die jeweils eineinhalb Stunden dauerten, mehr oder weniger fertig. Ein paar Textänderungen hier und da, aber im Großen und Ganzen stand das Stück. Zwischendurch fiel Peter noch ein, dass wir zwischen den Szenen Monologe einbauen könnten.

Die Ideen für Requisiten, die wir verwenden wollten, entwickelten sich auch während der Stückentwicklung. Beispielsweise Nagel und „Hexenhammer“ (das Handwerkszeug) oder eine Kerze, die während der Folterszene eingesetzt wurden.

In der ersten Einheit wollte ich die Inquisitorin noch als ambivalente Person darstellen, die von ihrem Vater zur Inquisitorin gedrillt wurde, aber in Wirklichkeit diesen ehrenwerten Beruf gar nicht ausüben wollte. In der zweiten Einheit kam Peter mit einer (vielleicht für manche doch nicht so überraschenden) Wendung, die mir sehr gut gefiel.

Wie entstanden nun die Szenen?

In der zweiten Einheit spielten wir einfach drauflos. Wir wurden während der Improvisation auf dem Handy aufgenommen, Peter transkribierte die Sätze am nächsten Tag und schickte uns die Datei, damit wir unsere Sätze auswendig lernen konnten. Das war die ganze Hexerei!

Zwischen den einzelnen Szenen sollten die Figuren ihre Monologe halten. Diese verfassten wir jede für sich, wobei Peter kleine Änderungen und Verbesserungen vornahm.

Es werde Licht!

Die Scheinwerfereinstellung für die Aufführung machten wir auch selbst. An einem Mittwoch Abend richteten wir zu dritt die Scheinwerfer ein. Elisabeth und ich stellten uns jeweils auf eine Figurenposition und Peter stellte den Scheinwerfer in der gewünschten Stärke in die richtige Stellung. Manchmal verwendete er auch bunte Folien für einen Effekt, der uns passend erschien. Nicht zu vergessen die Notizen der benötigten Scheinwerfer in der richtigen Lichtstärke für den Beleuchter, der uns dankenswerter Weise bei der Aufführung unterstützte und das Mischpult bediente.

Was fehlt hier?

Natürlich, die Aufführung! Jetzt hatten wir so intensiv geprobt, das durfte der Welt einfach nicht vorenthalten werden. Aus Zeitgründen fand diese erst Ende April, einen Monat nach Ende des Produktionskurses, statt. Am Samstag, den 30sten durften wir sogar zweimal hintereinander unser Stück in der Black Box zeigen.

Die erste Aufführung war sehr aufregend für mich. Aber es war nur halb so schlimm, wie ich es aus der Schule in Erinnerung hatte. Klar, Textpannen passierten, aber wir hatten schließlich gut geprobt. Das wichtigste ist, immer weiterzuspielen. Das Publikum darf von den Hängern nichts mitbekommen!

Das zweite Mal war ich schon relaxter. Auch da war nicht alles perfekt, aber Hauptsache, das Publikum hat nichts gemerkt und alle hatten Spaß! Meinen Fans vom Simmeringer Haidechor gefiel’s!

Wir kriegen nicht genug!

Weil es uns dermaßen viel Spaß gemacht hatte, bot uns Peter an,  das Stück innerhalb eines weiteren Kurses zu verfilmen und auf youtube der Öffentlichkeit zu präsentieren. Bis auf den Pater-Darsteller waren alle dabei. Ersatz wurde aber gefunden, klar, sonst hätte es den Film nicht geben können.

 

Inquisitor, Hexe und Huhn

Voilá! Du kannst den Film hier auf youtube bewundern!

Inqusitor Hexe Huhn

© Peter Uhl (Die Amsel)

 

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